Manfred Schmucker, Wien - Konrad Tabojer , Sollenau
Im Verlauf einer Reise nach Cuba im Frühjahr 2000 versuchten wir natürlich so viele Orchideenstandorte wie möglich aufzusuchen.
Trotz etwas eingeschränktem Zeitrahmen und gelegentlich problematischen Straßenverhältnissen konnten wir eine ganze Reihe von Landschaften besuchen, was im Endeffekt bewirkte, daß wir in 3 Wochen 4.900 Straßenkilometer zurücklegten. Cuba sieht nur auf vielen Landkarten "klein" aus; die Insel ist in ihrer längsten Ausdehnung Ost-West mehr als 1.200 km lang und die für Orchideenliebhaber interessantesten Landschaften sind im extremen Osten und Westen zu finden.
Orchideen als Gartenpflanzen sind in Cuba recht populär, so sahen wir in vielen Vorgärten violette Cattleyen, die ohne besondere Pflege im natürlichen Klima zu geradezu riesigen Pflanzen heranwachsen können.
Zitrusplantagen (Zitrone, Orange, Grapefruit) und Kaffeepflanzungen können traditionell als gute Standorte für epiphytische Orchideen - insbesondere für Zweigepiphyten angesehen werden. In Cuba mußten wir allerdings feststellen, daß so gut wie alle Plantagen, die wir betrachten konnten, von jedem epiphytischen Bewuchs - Orchideen wie Tillandsien - frei waren. Offenbar werden die Bäume im Verlauf der Ernte gereinigt.
Wir fanden nur eine einzige Grapefruitplantage, die nicht geputzt worden war und deren Äste dicht mit jugendlichen Zweigepiphyten bewachsen waren - vermutlich Ionopsis utricularioides .
Da so gut wie keine Orchideen zur Zeit unserer Reise (Trockenzeit) in Blüte war, war die Identifikation zumeist problematisch und konnte nur über den vegetativen Habitus erfolgen.
Abgesehen von einigen wenigen bergigen Landschaften, die im folgenden beschrieben werden, kann man die meisten wild wachsenden Orchideen auf Solitärbäumen in Viehzuchtgebieten und auf Alleebäumen finden. In den meisten Fällen handelt es sich um EncycliaArten (vegetativ E. cordigera ähnlich) und in den Hügelketten des Ostens und Westens auch Casttleyopsis. In hügeligen Gebieten (bis 300 m) mit ausreichend großen und dichten Waldstücken, die ein pa ssend feuchtes Mikroklima aufrechterhalten können, wachsen Eselslohren-Oncidien. In den Trockenwäldern entlang der Küsten sind immer wieder Exemplare von Vanilla und auch Oeceoclades maculata zu finden.
Es gibt in Cuba nur einige wenige Landschaften, die sich hoch genug erheben, um jenes Klimaprofil hervorzurufen, das im allgemeinen als "Nebelwald" bezeichnet wird - in erster Linie die Kammregionen der Sierra Maestra im Südosten, Teile der Sierra de Escambray im Süden und einige wenige Orte in den Karstbergen der Sierra de los Organos im Nordwesten der Insel. Alle anderen Erhebungen sind bei weitem zu niedrig, um die Passatwolken einzufangen, die über die Karibik ziehen.
Die landwirtschaftlichen Unternehmungen Cubas konzentrieren sich vor allem auf Zuckerrohr, Zitrusplantagen, Tabak und Viehzucht in den zentralen Ebenen, die Abhänge und Täler der höheren Hügel und Berge sind gelegentlich mit kleinen Kaffeeplantagen belegt. Aus diesen Gründen sind die höheren Lagen der Landschaft kaum mit Straßen erschlossen - ganz im Gegensatz zu vielen anderen Landschaften Lateinamerikas, wo es in hügeligen und gebirgigen Lagen viele Gemüseplantagen gibt.
Der Südhang der Sierra Maestra ist nur über Wanderwege zugänglich, die in den Reiseführern als herausfordernd beschrieben sind, am Nordhang existieren einige Stichstraßen, die zu Kaffeplantagen führen und eine einzige steile Straße, die zum Landschaftschutzgebiet um den Pico Turquino führt. Da die Anreise zu diesem Schutzgebiet ca. 300 km von Santiago de Cuba entfernt ist und mein Reisegefährte mit einem verstauchten Knöchel einige Tage außer Gefecht war, mußte der Plan, die Kammregionen der Sierra Maestra zu besuchen, leider gestrichen werden.
Nicht weit von Santiago de Cuba ist der "Piedra Grande" (Großer Stein) zu finden - ein sehr populärer Aussichtspunkt, der über eine steile, aber gute Straße leicht erreicht werden kann. Bei einem S pa ziergang in der Umgebung des Aussichtspunktes entdeckte ich, daß dieser Teil der Sierra de Piedra Grande hoch genug ist, um an der Nordseite, direkt unterhalb des Kammes, ein Band von Wolkenwald zu tragen. Auf den Stämmen und Ästen der zwergig wachsenden Bäume waren einige Typen von Pleurothallis, eine sehr kleinblättrige Dichaea und Pflanzen, die im Habitus wie Homalopetalum aussahen; leider keine einzige Pflanze in Blüte. Im Verlauf dieses Walds pa zierganges konnte ich auch eine einzeln terrestrisch im Laubhumus wachsende Pflanze sehen, die verblüffend nach Phaius aussah - große, gerippte Blätter mit einem Blütentrieb mit weißen Knospen.
Ich verwarf die Ideen an einen Phaius in Cuba sofort, bis ich einige Tage später eines besseren belehrt wurde.
Auf dem Weg nordwärts von Trinidad de Cuba über die Sierra de Escambray besuchten wir ein Waldstück, das relativ unberührt aussah, trotz einiger nicht weit entfernt gelegener Kaffeeplantagen.
Der Südabhang der Sierra de Escambray wurde in vergangenen Jahrhunderten komplett entwaldet, um Feuerholz für die Zuckerproduktion zu gewinnen und wurde erst in den letzten Jahrzehnten mit Kiefern neu aufgeforstet; der Nordabhang blieb, bis auf einige Kaffeeplantagen, offenbar unberührt.
Nur wenige hundert Meter von der Straße entfernt entdeckten wir im tiefen Schatten einer Senke zu einem kleinen Bach eine umfangreiche Kolonie von mindestens 100 voll ausgewachsenen Exemplaren von Phaius tankervilliae, die meisten mit Blütenansatz oder bereits voll in Blüte.
Fast alle der Pflanzen hatten zwei Blütenstiele mit einer Länge von ca 150 cm mit bis zu 40 Blüten und Knospen, einige der größeren Exemplare sogar drei Blütenstände. Die Pflanzen wachsen in tiefem Schatten in Laubhumus über einem porösen, sandigen Substrat.
Da wir Cuba auf dem Höhepunkt der Trockenzeit besuchten und in dieser Zeit der Waldboden erstaunlich feucht war, kann man sich gut vorstellen, daß die Pflanzen in der Regenzeit wahrscheinlich regelmäßig im Wasser stehen.
Das Kronendach des Waldes ist total geschlossen und so schattig, daß am frühen Nachmittag gerade ausreichend Lichteinfall vorhanden war, um mit einem 200 ASA Film ohne Blitz zu fotografieren. Da das Kronendach in der Trockenzeit so dicht war, kann angenommen werden, daß in der Regenzeit womöglich noch weniger Licht zu Boden durchdringt.
Das Umfeld, in dem diese Kolonie von Phaius tankervilliae wächst, steht in starkem Kontrast zu Berichten über das Klima an den Originalstandorten in Südostasien, die Pflanzen sahen allerdings extrem gesund und kräftig aus, die meisten hatten mindestens 10 gesunde Rückbulben.
Die Broschüre "Orquideas de Cuba" von Dr. Marta Dumas, die wir später im Jardin Botanico National in Havanna erwerben konnten, beschreibt Phaius tankervilliae als Orchideenart Südostasiens, mit der Bemerkung "daß die Pflanzen spontan in den Berggebieten im Osten Cubas wachsen". Leider ohne Angaben über mögliche Quellen und ohne Datum der Entdeckung dieser Besiedelung.