Die Klimazonen der Orchideen
Orchideen kommen auf allen Kontinenten, mit Ausnahme der arktischen und antarktischen Gebiete vor. Diese weltweite Verbreitung der Familie der Orchidaceae bewirkt, daß sich die Pflanzen auf die jeweiligen Klimaverhältnisse eingestellt haben. Ihre Wuchsformen und ihr Wachstumsverhalten hat sich im Laufe ihrer Evolution den Anforderungen, die das Klima stellt, ange pa ßt.
Wir sprechen von
Aufgrund der großen Verbreitung der Orchideen ergeben sich naturgemäß geographische Klimazonen. Orchideen kommen aber andererseits von Meereshöhe bis in ca 3.800 bis 4.000 m Seehöhe vor.
Dies führt entsprechend der Abnahme der Temperaturen mit der Seehöhe zu vertikalen Klimazonen. Um diese nicht immer einfachen Verhältnisse beschreiben und nachbilden zu können, werden zumeist die Anleitungen und Ratschläge zur Orchideenkultur in Kalt-, Temperiert- und Warmhausbedingungen unterteilt.
In den folgenden Ausführungen sollen die Klimazonen nach geographischen und vertikalen Zonen behandelt werden, die dann weiter detailliert werden.
Geographische Klimazonen
Die erste Klimaprovinz
erstreckt sich über die heißen Küstengebiete Südamerikas, Asiens und Afrikas, sowie das Kongo- und Amazonasbecken. Hier herrscht heißfeuchtes Tropenklima.
Es sind dies jene Gebiete, die zusammen mit den Ozeanen hohe Feuchtigkeit bilden, die dann weiterwandernd in die zweite Klimaprovinz als Regen und Nebel (Monsun etc) das Klima beeinflußen. Nicht selten herrscht in der ersten Klimaprovinz über längere Zeiträume eine Tagestemperatur von 35°C mit nur unmerklicher nächtlicher Abkühlung.
In der Regenzeit gibt es fast täglich am frühen Nachmittag Gewitter, des nachts klart es meistens auf, der Vormittag ist sonnig, bis sich Haufenwolken bilden, die zu Gewittertürmen heranwachsen und sich am frühen Nachmittag ausregnen. Trockenzeiten sind, wenn überhaupt erkennbar, nur kurz.
In dieser Klimaprovinz müssen sich die Orchideen darauf einstellen, daß sie einerseits pa tschnaß werden - sie sind auch in der Nacht sehr naß, leichte Luftbewegungen verhindern ein Anfaulen - andererseits tagsüber die Sonne vom Himmel brennt und die Vegetation unter tags vollkommen austrocknet.
Die Orchideen wanderten deshalb und nicht nur aus Lichthunger aus dem dunklen Urwald hinauf in die Baumkronen, denn hier gibt es ständig frische Luft. Daher ist auch der dunkle tropische Urwald relativ arm an Orchideen, während andererseits neben den Baumkronen auch Lichtungen, Flußufer, kahle Berghänge, Straßenböschungen hohe Konzentrationen von Orchideen aufweisen.
Auch so extreme Gebiete wie Quarzsand-Dünen, etwa an der Atlantikküste Brasiliens sind mit Orchideen bewachsen. So kommt etwa Cattleya intermedia hier direkt im Quarzsand wachsend vor. Hier wehen aber auch immer feuchte, kühlende Winde vom Meer her, sodaß auch an strahlenden Sonnentagen die Hitze gemildert wird.
Generell spielt die Luftbewegung am Standort von Orchideen eine wesentliche Rolle für gutes Gedeihen - dies ist bei der Kultur in Gewächshäusern oder Vitrinen sehr zu beachten
Pflanzen aus der hier beschriebenen Klimaprovinz gehören ins Warmhaus.
Die zweite Klimaprovinz
Hier sind ca 60 % aller Orchideengattungen und Arten zu finden. Zu dieser Provinz sind die Vorberge des Himalaya, die Berggebiete der Malayischen Halbinsel, Indonesiens, Neuguineas sowie die Ost- und Westflanke der südamerikanischen Anden zu zählen.
An diesen Bergketten regnen sich die in der ersten Klimaprovinz entspringenden feuchten Luftmassen als "Steigungsregen" ab oder bilden dichte Nebelmassen, da sich die an den Bergflanken aufsteigenden Luftmassen abkühlen und ihre Feuchtigkeit abgeben.
Man spricht daher oft auch vom "Nebelwald", in dem hier die Orchideen vorkommen.
Hier herrscht sowohl eine hohe Populationsdichte als auch Artenvielfalt, bewirkt durch hohe Luftfeuchtigkeit, unterschiedliche Höhenlagen und damit unterschiedliche Temperaturprofile.
In dieser Umwelt gedeihen die Orchideen besonders gut., ihre an den Ästen und Stämmen der Bäume entlanglaufenden Wurzeln haben sowohl über die Rinde immer etwas Feuchtigkeit auf der einen Seite, auf der anderen Licht und Luft. Hier sind die Regen- und Trockenzeiten ausgeprägter, aber auch in den Trockenperioden gibt es immer Wolken und nächtlichen Nebel, die die Orchideen vor dem Austrocknen schützen. Auch morgendlicher Taufall ist fast immer vorhanden.
Die Arten haben sich hier aufgrund der topographischen Situation verschiedenen Umweltbedingungen ange pa ßt und dies erklärt auch die Artenvielfalt. Ein wesentlicher - vermutlich sehr anregender - Wachstumsfaktor ist hier die nächtliche Temperaturabsenkung, die oft ein 10°C übersteigendes Tag/Nachtgefälle mit sich bringt.
Diesen Umstand sollte man nach Möglichkeit in der Kultur berücksichtigen. Die nächtliche Temperaturabsenkung und das reichliche Angebot an frischer Luft sollte im temperierten Gewächshaus nach Möglichkeit nachgeahmt werden.
Die dritte Klimaprovinz
Sie umfaßt die Savannen und steppenartigen Räume im Inneren der Kontinente.
Diese Gebiete liegen meist in einer Meereshöhe zwischen 500 und 1.000 m, sind schwach hügelig oder eben und weisen nur geringen Baumbewuchs auf (meist Palmen, Akazien, gelegentlich auch Kakteen). Hoch über den Urwald aufsteigende flache Bergmassive - sogenannte Mesetas oder Tepuis gehören auch in diese Orchideenprovinz, z.B. die Hochplateaus von Minas Gerais in Brasilien.
Ein hoher Anteil der hier vorkommenden Orchideen wachsen hier mangels reichlich vorkommender Trägerbäume lithophytisch oder sind auf die Galeriewälder entlang der Wasserläufe beschränkt.
Die Pflanzen haben sich hier auf lange Trockenperioden einzustellen und werden deshalb oft ihre Blätter am Ende der Vegetationsperiode ab. Hier herrschen zumeist trockene, heiße Tage und relativ kühle Nächte. Die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sind beträchtlich und können bis zu 30°C betragen.
Auch die Schwankungen zwischen Sommer und Winter sind hier beträchtlich und nicht selten kann die Temperatur des nachts bis zum Gefrierpunkt sinken. Pflanzen aus dieser Klimaprovinz sind in der Kultur am schwierigsten zu halten; sie gehören ins temperierte bis kalte Gewächshaus, wobei vor allem das richtige Gießen die größten Probleme bereiten kann.
Die vierte Klimaprovinz
Hierzu gehören die Regionen der gemäßigten Zone und kühle bis kalte Gebiete mit ausgeprägtem Winter - etwa Sibirien, Euro pa , China, Ja pa n, die höheren Teile des Himalaya, die nördlichen Teile Amerikas, die höheren Gebiete der Anden sowie Patagonien.
Hier sind Epiphyten und Lithophyten eher selten, meist handelt es sich um Erdorchideen. Sie sind für die Gewachshauskultur kaum, für die Gartenkultur in unseren Breiten nur bedingt geeignet.
Ihre Kultur erfordert ausgeprägte Fachkenntnisse, nicht zuletzt bezüglich der Umweltbedingungen am Standort.
Vertikale Klimazonen
Die Verhältnisse in der Natur sind nicht so einfach, wie sich der in Kategorien denkende Mensch vorstellt. Die vorgestellten geographisch ausgerichteten Klimaprovinzen überschneiden sich mit Klimazonen, die von der Höhe der Standorte abhängig sind.
Als Demonstrationsbeispiel soll der östliche Himalaya hier vorgestellt werden:
Der größte Teil des östlichen Himalaya wird von Juni bis August vom Südwest-Monsun getroffen. Die Niederschlagsmenge liegt zwischen 200 und 1.000 mm.
Von Oktober bis Jänner bleiben Niederschläge aus und es bleibt trocken. Im Verlauf von Februar und März bringen feuchtigkeitsbeladene Seewinde, die vom bengalischen Golf nach Norden ziehen, Gewitter und Frühlingsschauer. So weit die allgemeinen Randbedingungen des Wetters - die Auswirkungen sind allerdings in den betroffenen Höhenstufen sehr unterschiedlich.
Tropische Zone - 0 bis 850 m über dem Meer
Hier ist dichter, immergrüner Dschungel anzutreffen. Die vielen Flüsse sorgen für eine Luftfeuchtigkeit von ca 80% während des Monsuns und ca 50% in den trockenen Monaten.
Die Tagestemperaturen bewegen sich im Sommer um 30 bis 35°C, die Nächte sind kaum kühler. Im Winter bewegen sich die Tagestemperaturen um 20 bis 25°C. Abends bildet sich durch Wasserverdampfung ein Wolkenvorhang, sodaß die Temperaturen des nachts nicht stark absinken und auch in der Trockenzeit keine vollkommene Trockenheit entstehen kann.
Aufgrund der Landschaftsformen gibt es natürlich Standortunterschiede - in den nassesten Gebieten wachsen unter anderem
Subtropische Zone - 850 bis 1.850 m über dem Meer
Hier dominieren Schima-Wallichii-Bäume. Die Tagestemperaturen im Sommer erreichen 23 bis 26°C, des nachts 1 8 bis 20°C. Der Winter ist kühl, trocken und sonnig. Hier nimmt die Temperatur höhenbedingt um 0,5°C pro 100 Höhenmeter ab.
Die Niederschlagsmenge beträgt maximal 1.000 mm.
Es gedeihen hier
Subtemperierte Zone - 1.850 bis 2.850 m über dem Meer
Hier beginnt die Wolkenzone, daher herrscht das ganze Jahr über Dunst und Nebel. Während des Winters kommt es bei klarem Wetter jedoch zu hohen Lichtintensitäten. Die Wälder sind durchgehend mit Moos bewachsen. Tagestemperaturen im Sommer liegen bei ~ 8 bis 20°C, des nachts bei 1 5°C. Die Winter sind kalt mit Temperaturen von 5 bis 7°C.
Hier gedeihen
Temperierte Zone - 2.850 bis 3.850 m über dem Meer
Das Klima hier kann mit dem nördlichen Küsten des Mittelmeers verglichen werden; es herrschen Buschwald und almähnliche Mattenwiesen vor
Hier wachsen
Subalpine Zone - 3.850 bis 4.850 m über dem Meer
Das Klima hier kann mit dem europäischen Klima verglichen werden; es dominieren hier meist baum- und strauchlose Mattenwiesen, 3 bis 6 Monate des Jahres liegt Schnee
terrestrisch wachsen hier - Cypripedium macranthum, C. himalaicum, C. cordigerum
Schlußfolgerungen
Als Schlußfolgerungen aus den bisherigen Ausführungen für die Kultur von Orchideenarten aus den Himalaya-Gebieten ergeben sich die folgenden Kulturempfehlungen:
Tropische Orchideen : im Gewächshaus bei erhöhter Luftfeuchte, nie unter 20°C. Die Pflanzen der trockeneren Gebiete erfordern in der winterlichen Ruhezeit weniger Feuchtigkeit; leichtes Gießen in Abständen von etwa 2 Wochen reicht zumeist.
Subtropische Orchideen : in der sommerlichen Wachstumsperiode viel Wasser, warm stellen, In der winterlichen Ruhezeit (Trockenzeit) sollten die aus kühleren Zonen stammenden Pflanzen nur 1 mal pro Monat gegossen werden.
Subtemperierte Orchideen : diese müssen in einem Kalthaus gehalten werden und bräuchten in der winterlichen Ruhezeit wegen des Lichtmangels in unseren Breiten Zusatzbeleuchtung zur Blüteninduktion. An den Naturstandorten erhalten die Pflanzen an wolkenfreien Tagen intensive Einstrahlung von Sonnenlicht mit hohen UV-Anteil.
Temperierte und subalpine Orchideen : in europäischen Gärten im Freien im Schaffen von Bäumen oder Rhododendronbüschen.
Als zweites Beispiel für die vertikalen Klimazonen sei noch Mexico angeführt:
Tiefland/ Yucatan - 20 m über dem Meer
Teilweise Savannenlandschaft, teilweise nicht sehr hoch wachsender Wald, 90% Luftfeuchte bei fast identischen Tages- und Nachttemperaturen von 20 bis 29°C (Mai bis Juli 28 bis 29°C, Jänner als kältester Monat 20 bis 25°C).
Hier wachsen unter anderem - Oncidum carthaginense, Rhyncholaelia digbyana
Südmexico - Höhenlagen 600 bis 800 m über dem Meer
In den Grenzgebieten zu Guatemala regnet es fast das ganze Jahr über, 4.000 bis 5.000 mm Niederschlag bei Temperaturen von 14 bis 25°C
Hier wachsen - Cattleya aurantiaca, C. skinneri, Laelia superbiens, Oncidium leucochilum, Osmoglossum pulchellum, Acineta chrysantha, Lycaste virginalis (skinneri)
West-Mexico /Pazifischer Abhang
Der Baumbestand wirft hier seine Blätter während der Trockenzeit (Winter) ab, 1.000 bis 1.300 mm jährlicher Niederschlag, oft in kurzen, sehr heftigen Gewittern. Tagsüber ist es zumeist sonnig, Nebel ist selten. Die Temperaturen schwanken zwischen 15 und 30°C. Von April bis Juni ist es oft staubtrocken. Schnee fällt erst ab 4.000 m Seehöhe. Die Orchideen leben hier bis maximal 3.000 m Seehöhe.
In diesen je nach Höhenstufe differenten Gebieten (Temperaturabfall 0,5°C pro 100 m) wächst unter anderem
Ost-Mexico – Atlantischer Abhang
In den Wintermonaten (November bis Februar), 3.000 mm Regen, häufig starker Nebel, 95%, Jänner naß, tagelang ist die Sonne nicht sichtbar, im September Wolkenbrüche.
In 1.500 m Seehöhe (Tierra caliente) wachsen – Laelia anceps, Oncidium cavendishianum, Lemboglossum rossii, Stanhopea oculata, St. wardii, Lycaste deppei, L. aromatica, Gongora galeata, Cycnoches egertonianum, u.a.
Tiefland -200 bis 600 m Seehöhe
April bis Mai sehr trocken, 25 bis 35°C, heißer Wind; hier wachsen - Vanilla fragans, V. pompona, Mormodes maculatum, Trichopilia tortilis , Oncidium ornithorhynchum, Cycnoches ventricosum, Bletia purpurea, Chysis bractescens, Ch. aurea, Com pa rettia falcata
an der Küste, in Sumpfgebieten - Schomburgkia tibicinis
Zentralmexico / Hochland - 2.000 bis 2.500 Seehöhe
Als Beispiel sei Mexico City angeführt: im Winter Trockenzeit, Jänner bis Juni 30% Luftfeuchte, Jänner/Februar Frost bis -8°C, am gleichen Tag kann die Temperatur allerdings bis auf 20°C steigen, also Extremtemperaturen. Regenzeit von Juli bis September, 900 mm Niederschlag pro Jahr, 90% Luftfeuchte.
Im Hochland wachsen – Laelia autumnalis, L. gouldiana, L. albiola, L. furfuracea, L. speciosa, Oncidium tigrinum, O. hastatum, Lemboglossum cervantesii, Encyclia vitellina
JOSEF REINWEIN - WIEN
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